Für die einen bedeutet es, mitzumachen, für die anderen ein einfaches Dabeisein. Eine klare Antwort gibt es auf diese Frage nicht.
Wir haben zu fünft Besucher*innenumfragen durchgeführt, um der Bedeutung Kultureller Teilhabe und ihrer Umsetzung näher auf den Grund zu gehen. Dafür waren wir bei drei Veranstaltungen der KulturRegionale 2025 und haben dort Interviews geführt, Plakate aufgehängt und selbst teilgenommen. Wir waren beim Hut-Konzert in der KUFA, dem Projekt Mitmischen im Jungen Theatergarten und auf den Wallungen, auf denen unter anderem das Theaterstück Moby Dick lief.
Hier präsentieren wir unsere Eindrücke und Ergebnisse.
Das Projekt ist im Rahmen des Seminars „Und jetzt alle?! Kulturelle Teilhabe und Demokratie – eine kritische Begleitung der Kulturregionale Hildesheim“ von Maria Nesemann an der Universität Hildesheim entstanden.
Namen: Luise Dahns, Samira Benedickt, Lara Singer, Pauline Willim, Lilly Singer
Der "Club Veb" (Veb steht für Volkseigene Bar) ist eine Musikveranstaltung, die seit 35 Jahren in der Kulturfabrik Hildesheim, auch KUFA genannt, stattfindet. Dabei handelt es sich um kostenlose Konzerte von Bands verschiedener Musikrichtungen (meist zwei Bands am Abend) aus Deutschland und auch international, die über Spenden finanziert werden (wer will, gibt Geld in einen herumwandernden Hut). Es gibt ein großes Stammpublikum, doch auch immer neue Menschen begeben sich Mittwoch abends ab 21:00 Uhr in die KUFA und lauschen den Konzerten. Bei zwei Besuchen der Veranstaltung haben wir Interviews mit den Gästen geführt, die Organisatoren des "Club Veb" sind oder sich als Stammpublikum verstehen.
Wie stets um die Teilhabe?!
Auf die Frage zur Teilhabe erklärt Kat vom Veb-Team, dass der "Club Veb" auf zwei Ebenen versucht, so vielen Menschen wie möglich Teilhabe zu ermöglichen. Erstens, anti-klassistisch zu arbeiten, bedeutet in der Praxis, die finanzielle Barriere niedrig zu halten. Dies gelingt durch das Prinzip der Hutspende, einer günstigen Bar und durch die SoKü (solidarische Küche für Alle), die vor dem "Club Veb" in der KUFA stattfindet. Der zweite wichtige Punkt ist das Mitwirken-Können. Die Strukturen des Veb-Teams (zusammengesetzt aus freiwilligen Kultur- und Musik-Interessierten) sind niedrigschwellig, da oft viele Team-Menschen bei den Konzerten vor Ort leicht ansprechbar sind. Schwachstellen der Veranstaltungen sind die Barrieren der Treppen, da es keinen Aufzug gibt, sowie die Lautstärke der Veranstaltungen. Werbung für die Veranstaltungen wird über die KUFA-Website, Instagram und über Telegram-Gruppen gemacht.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der "Club Veb" versucht, so wenig Barrieren wie möglich zu haben und durch Awareness Konzepte und diverse Programme unterschiedliche Menschen zu erreichen. Doch durch räumliche Bedingungen ist die Teilhabe nicht für alle Menschen möglich. Wichtig zu erwähnen ist, dass sich der "Club Veb" gegen Sexismus, Rassismus und Klassizismus positioniert und insbesondere den Menschen, die diese Werte teilen, die Teilhabe ermöglichen möchten. Die Atmosphäre haben wir bei unseren Besuchen als sehr entspannt, freundlich und offen wahrgenommen.
Im Rahmen der KulturRegionale 2025
Das Hutkonzert des "Club Veb" ist ein wöchentliches Konzert, das nun über das Programm der KulturRegionale beworben wird. In der Überschrift wird die Veranstaltung als "Hut-Konzert am Mittwoch" betitelt. Die Menschen, mit denen wir auf den Konzerten in der KUFA gesprochen haben, waren nicht aufgrund der KulturRegionale bei den Hut-Konzerten, sondern sind schon Stammpublikum des "Club Veb". Nach unserer Recherche scheint es nicht so, dass die KulturRegionale die Bekanntheit und das Publikum der Hut-Konzerte stark erweitert hätte.
Erfahrungsbericht
Am Mittwoch, den 25. Juni, treffen wir uns bereits etwas früher vor der KUFA, um uns noch nach draußen zu setzen. Im ersten Stock kann man ab 20:00 Uhr auf Spendenbasis vegan essen. Im daran angeschlossenen kleinen Garten der KUFA sitzen bereits viele Menschen und sind in Gespräche vertieft. Es ist sonnig und die Stimmung scheint gut zu sein. Kurz vor Start des Hut-Konzerts begeben wir uns in den 2. Stock. Der Raum dort ist nicht sehr groß, hat eine Bar, eine kleine Bühne und ein paar Sitzgelegenheiten. Nach einer kurzen Ansprache betritt die erste Band des Abends die Bühne und beginnt zu spielen.
Während des Auftritts sitzt und steht das Publikum, hin und wieder ertönt leichtes Gemurmel und manche tanzen leicht auf der Stelle zu bekannten und neuen Songs. Zwischendurch gibt es kurze Pausen, in denen die Bandmitglieder mit dem Publikum interagieren. Die Atmosphäre wirkt gelassen und irgendwie heimelig.
Nach dem Auftritt gehen wir, so wie einige andere Zuschauer*innen, nach draußen, um frische Luft zu schnappen. Nach etwa 15 Minuten ertönt von oben erneut Musik und die zweite Band hat zu spielen begonnen. Für mich war der Abend an dieser Stelle jedoch leider schon vorbei. Ich kann mir aber gut vorstellen, mal wiederzukommen, um in entspannter und freundlicher Atmosphäre Musik zu lauschen und mich zu unterhalten.
Besuchte Termine
- 18. Juni 2025 (Bands: CITADEL, Erlangen, Psychedelic Rock & PYRAMID, Nürnberg, Stoner)
- 25. Juni 2025 (Bands: MacCormac, Hannover, Indie Rock & TAPER, Hannover, Ironic Sunshine Pop
„Selbst wenn’s nur das Malen einer Blume ist, man ist dabei!”
28. Juni 2025, 15:15 Uhr
Ich döse in einem Liegestuhl im Theatergarten des TfNs (Theater für Niedersachsen) und lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen. An der Hauptstraße halten im Minutentakt bunte Wagen, die Leute aussteigen lassen. Heute ist Schützenumzug und wahrscheinlich auch deswegen die halbe Stadt auf den Beinen. Das verschlafene Hildesheim sehnt sich nach Trubel und lauter Musik. Langsam stehe ich auf, klappe meinen Liegestuhl zusammen und schlendere in Richtung Gartenstraße zum Projekt „Mitmischen im Jungen Theatergarten” und bin gespannt, wen es an diesem Tag hierher verschlagen hat.
Im Außenbereich vor dem Hintereingang des Theaters stehen zwei Basteltische, an denen Kinder zwischen 5 und 10 Jahren sich in Stationsarbeit frei beschäftigen. Drinnen ist es angenehm kühl. Auf dem Boden verteilt liegen Sitzsäcke und ich entdecke einen weiteren Basteltisch, an dem man Gesichter ausmalen kann. Die Veranstaltung ist bescheiden besucht. Das Angebot ist offen, kostenlos und sehr niedrigschwellig gestaltet. Von 15:30 bis 17:00 Uhr kann hier „mitgemischt” werden. Am Basteltisch im Foyer sitzt ein Mädchen mit ihrer Mama und malt ein Bild. Ich steuere auf sie zu.
Auf Spanisch erklärt die Mutter ihrer Tochter, dass ich von der Universität bin und Fragen zu Kulturprojekten stelle. Sie nickt, malt dann aber weiter ihr Bild. So spannend scheine ich für eine geschätzte Siebenjährige nicht zu sein. Ihre Mutter aber beantwortet meine Fragen sehr freundlich. Vor allem ihrem Mann sei es wichtig, gemeinsam als Familie an kulturellen Veranstaltungen teilzunehmen. Sie würden im Internet oder auf Websites nach passenden Veranstaltungen suchen oder über Flyer auf diese aufmerksam werden. „Wir haben hier keine Familie. Für uns ist es deshalb wichtig, am Wochenende viel zu dritt als Familie zu unternehmen!” Am Anfang seien solche Veranstaltungen auch hilfreich gewesen, um neue Menschen kennenzulernen. Mittlerweile habe sie aber einen Freundeskreis gefunden. Zum Abschluss frage ich nach Tipps für Kulturveranstaltungen, die sich gezielt an Kinder richten.
- Einmal im Monat (jeden ersten Montag des Monats) findet in der Bibliothek in Hildesheim von 15:00 bis 16:00 Uhr eine Vorlese- und Mitmachstunde für Kinder von 18 Monaten bis 3 Jahren und von 4 bis 7 Jahren statt. Auch den Bilderbuchsamstag kann sie wärmstens empfehlen.
- Am 24. August 2025 lädt das TfN zum Theaterfest ein: Erleben, Mitmachen und Staunen ist hier das Motto einer Veranstaltung, die einem Tag der offenen Tür gleichkommt.
- Ein Geheimtipp seien auch schulische Veranstaltungen, wie Schachturniere am Gymnasium oder ein Brettspieltag an der Grundschule!
"Ein nettes Gespräch", denke ich. Nur zur KulturRegionale konnte ich wenig in Erfahrung bringen. Die schien in der Bewerbung der Veranstaltung keine große Rolle zu spielen. Aber wen fragt man da am besten für genauere Informationen? Richtig, diejenigen, die diese Basteltische auf die Beine gestellt haben. Mein nächstes Interview führt mich nach draußen in die Sonne. Zwei Mädchen hampeln an einem der beiden Tische herum. Am zweiten sitzen zwei Jungen, ca. 17/18 Jahre alt, mit Klebestift und Bastelschere in der Hand. Die beiden gehören zur Jugendbeteiligungsgruppe "Mitmischen" und machen das hier ehrenamtlich. Den Theatergarten des TfNs gibt es eigentlich nur für Erwachsene. „Wir wollten ein Angebot für Kinder schaffen! Es gab schon mehrere Projekte: eine OpenStage, einen Spieleabend und den jungen Theatergarten für Kinder ab 12 Jahren. Mit sieben Kindern haben wir aus Paletten Sitzgelegenheiten gebaut, die nun auch im Theatergarten stehen.” Ich erinnere mich an meine idyllischen 30 Minuten auf dem sonnenbeschienenen Liegestuhl zurück unweit von Bänken aus Paletten und muss schmunzeln. Als ich die beiden nach der KulturRegionale frage, können sie zwar etwas damit anfangen, geben aber auch zu, dass die Zugehörigkeit ihres Projektes nicht viel verändern würde. Werbung gab es über die Spielclubs, Social Media und geplant ist auch ein TikTok-Account, um die jüngere Generation anzusprechen. Ich bedanke mich für das Gespräch und lasse die beiden weiter Klebstoff halten und Blumen malen (Stichwort Teilhabe).
Einmal noch stromere ich im Foyer herum. Ein Vater mit zwei sehr lebendigen Kindern steuert auf die Sitzkissen zu. "Nichts wie hin", denke ich und fange ihn auf halber Strecke ab. Bereitwillig gibt er mir ein Interview, während seine Tochter von meiner Schwester befragt wird, die gerade in Hildesheim zu Besuch ist und in der Ecke auf einem Sitzsack herumlümmelt. Der Vater erzählt, dass seine älteste Tochter beim Theatergarten mitgewirkt habe, weshalb sie auf die Veranstaltung aufmerksam geworden seien. Für die Kinder sei es nett, kulturelle Veranstaltungen zu besuchen und dort etwas Neues kennenzulernen. „Irgendetwas muss man am Wochenende ja tun. Sonst fällt einem schnell die Decke auf den Kopf.” Teilhabe begreife er eher gesellschaftlich; also Teilhabe an gemeinsamen Erlebnissen und Kulturgut. Da sei es gut, wenn die Kinder das schon früh vermittelt bekämen. Und seine Tipps für kulturelle Veranstaltungen mit Kids?
- Ein Kinderchor ist angedacht als Follow-Up für die Veranstaltungen im Theatergarten. Gemeinsam singen und so 🙂
- Das Bergfest am Moritzberg findet am 26. August 2025 ab 14:00 Uhr wieder statt. Das gibt es seit 1987 jedes Jahr und macht den Kindern großen Spaß!
Um 17:00 Uhr sitze ich dann auf der Studiobühne und sehe mir das Stück "Baustelle" an. Der Theatergarten müsste jetzt langsam seine Zelte abbauen, Bastelscheren einsammeln und Sitzsäcke verräumen. Was bleibt? Ein netter Familiennachmittag, kleine, stolze Künstler*innen und, zumindest bei mir, ein Fünkchen Enttäuschung über den überschaubaren Zulauf. Aber vielleicht darf man auch nicht so hart sein. Vielleicht reicht “Klein-Sein” auch manchmal aus. Ein Satz, der hallt nach diesem Nachmittag in mir nach:
„Jeder passt in so eine Gesellschaft rein, wenn man ein gutes Miteinander pflegt."
Und ist es nicht das, was die KulturRegionale auch zu vermitteln sucht? Gemeinschaft(en) heißt das diesjährige Motto. Alles hat klein begonnen. Auch Gemeinschaften. Und mit Gemeinschaften sind Kinder genauso wie Erwachsene gemeint.
Vom 4. bis zum 6. Juli fanden schon zum neunten Mal die Hildesheimer Wallungen, das “große Fest der Kultur”, statt. Zwischen Kehrwiederturm und Hohnsensee wurde ein buntes kulturelles Programm geboten.
Wir waren im Rahmen unseres Projekts auf den Wallungen unterwegs und befragten Besucher*innen zum Thema Kultureller Teilhabe und ihren Meinungen zu den Wallungen und der KulturRegionale als Ganzes.
- ältere Personengruppe
- älterer Mann
- Familienmutter mit Kleinkind
- Jugendgruppe
- studentische Mitarbeiterin
- Studierende
Interviews
Wie sind Sie heute hierhergekommen?
- Auto, zu Fuß
- zu Fuß
- zu Fuß
- zu Fuß, Fahrrad, Auto
Wie haben Sie von den Wallungen erfahren?
- Zeitung, Über Freunde
- Zeitung, das erste Mal, weiß aber, dass es schon mehrere Jahre stattfindet, gefällt sehr gut, auch alleine super. Eigentlich für Musik da, Kulturelles Angebot drumherum sehr schön
- Seit vielen Jahren schon selbst Bestandteil davon, Mitarbeiter*in
- Freundin, Angehörige eines Acts, wussten aber vorher schon, dass es stattfindet
- Durch Freundinnen, einer der Acts schon bekannt
Haben Sie schon mal etwas von der KulturRegionale gehört?
- Nein, erst auf Wallungen selbst Stand gesehen, Erklärung notwendig
- Ja, auch schon mehrere Veranstaltungen im Rahmen besucht, unsicher, welche Veranstaltungen Teil davon waren. Empfindet KulturRegionale als hilfreich, um Veranstaltungen sichtbarer zu machen, aber besucht dadurch nicht unbedingt mehr
- Eine aus der Gruppe ja, die anderen nicht. Veranstaltungen nicht in dem Wissen besucht, dass sie Teil der KR sind
- Nein. Ja, weil durch Kunstraum schon Kontakt
Was bedeutet Teilhabe für Sie?
- Mit dabei sein, aus Bereich Eingliederungshilfe/ Inklusion
- Mitmachen
- Ich habe etwas damit zu tun, ich darf teilnehmen, mitwirken, mitgestalten an manchen Stellen. Manchmal nur Gast, manchmal Gestalterin; sehr facettenreich
- Mitmachen
- Kultur anschauen, vielfältiges Programm
- Diverses Angebot, dass alle angesprochen werden, nicht nur passiv, sondern aktive Teilnahme
Momente des Teilhabe-Gefühls?
- Noch nicht wirklich, aber schöne Momente, wunderbare Musik, Weg zu Fuß durch Hildesheim, schön, dass so viele Menschen auf der Straße draußen zusammen sind
- Mit eingebunden bei Musik-Acts, Theater eher nur passiv, kein spontanes Mitmachen
- Absolut. Spontane Einbindung beim Chor-Auftritt, gemeinschaftlich zwischen Publikum und Chor
- Mitsingen, Klatschen, Singen bei Musik-Acts
- Ukrainischer Chor, Verbindung zu Publikum
Was sagen Sie zu den Eintrittspreisen?
- Für drei Tage geht es, aber man nutzt/ kann ja meistens nicht an allen Tagen, für einen Abend z.B. ist dann schon ganz schön teuer. Besser wären Einzeltickets (Verweis, dass Kartenzahlung überall gehen sollte). Menschen werden ausgeschlossen -> Verweis, dass Sohn nicht kommt, sei ihm zu teuer. Bereiche, die ohne Ticket zugänglich sind, sind sehr schön
- Bisschen hoch, jetzt als Gesamtpaket in Ordnung für drei Tage. Wenn die Preise niedriger wären, würden bestimmt noch mehr und andere Besuchende kommen. Vor allem ältere Jahrgänge vertreten, aber Musikangebot für Jüngere ja eigentlich interessant.
- Vollkommen okay für so viel. Jedoch Erinnerung an letztes Jahr, wo es günstiger war. Schon teuer aber lohnt sich für so viel
- Zahle ich gerne. Tagesticket wäre cool und mehr Angebote für junge Erwachsene, Einbindung der Domäne
Hildesheimer Wallungen, 4. Juli 2025
Die Hildesheimer Wallungen bieten neben Workshops, Ständen und Musikauftritten auch die Möglichkeit, Teilhabe in Form eines besonderen Theaterformats zu erleben. Die Freie Bühne Wendland ist mit ihrem Wandel- und Freilichttheater eine bereichernde Ergänzung des KulturRegionale Programms. Sie spielen Moby Dick, nicht traditionell auf einer Bühne und das Publikum sitzt auf keinen Rängen, sondern auf Gartenstühlen und Bänken, wie bei einem Picknick. Die sonst oft als verklemmt wahrgenommene Stimmung in einem klassischen Theaterhaus ist hier unter freiem Himmel nicht zu spüren.
Freitagabend strandet ein Schiff auf der Wiese am Hohnsensee: Ein Bus, überzogen mit rostig-rotem Metall, beschmiert mit Öl und Kritzeleien, legt an. Die Mannschaft sind keine Piraten oder reguläre Matrosen, sondern Walfänger. Ein lauthals grölender Mann, als Fischer zu erkennen an der markanten Kopfbedeckung und dem blauen Overall, kreist ums Publikum. Er sucht starke Menschen, neue Crewmitglieder, die bereit sind, sich auf die gefährliche Reise des Walfangs einzulassen. Das Rekrutieren aus dem Publikum scheiterte, auch nach mehreren Versuchen des inzwischen dazu gestoßenen Obermufti-Matrosen mit strengem Blick.
Rau, brutal, laut – der Umgangston der Kollegen lässt ein beklemmendes Klima entstehen, keiner aus dem Publikum rührt sich. Entfliehen ist unmöglich, denn man sitzt inmitten des Geschehens. Das „Bühnenbild“ bewegt sich: Ein ausgebauter Bus wird zum besagten Schiff, ein Auto mit bewegbarer Schwanzflosse zu dem flüchtenden Wal, Fahrgefährte aus Gummi und Metall zu Jagdbooten umgebaut.
Aus der Ferne kommt ein seltsames Duo angelaufen: Einer sagt kein Wort, der andere kann gar nicht aufhören, nervös vor sich hinzuplappern. Der dritte Rekrut: ein Schmied, Doktor, Koch… er hat viele Talente. Besiegelt wird die Mitgliedschaft mit einer Unterschrift, die nicht nur das Antreten der Reise, sondern auch das Schicksal der Männer zu besiegeln scheint.
Alle an Bord! Das Schiff wird zum Ablegen bereit gemacht. Auf dem Dach des Busses werden Mäste aufgespannt, Geländer installiert, Backbord und Vorschiff ausgeklappt und erweitert. Segel gehisst – sie stechen mit Gesang und Gepolter in See. Die Aufbruchs-Euphorie verpufft so schnell wie ein Tropfen auf heißem Sand. Schon nach einigen Tagen steigt die Spannung zwischen der Crew.
Die Wartezeit auf die Sichtung des ersten Wals kann nur durch fade Mahlzeiten und unehrliche Kartenspiele überbrückt werden. Beim Glücksspiel wird die Mannschaft vom Kapitän erwischt. Ein alter, griesgrämiger Mann mit langem Bart und einer bedrohlichen Aura. Von ihm sprüht ein unerbittlicher Antrieb, entfacht durch Wut und Rachelust, eine Obsession, „den großen weißen Wal“ zu erlegen, der ihm sein Bein abbiss.
Auf einmal Unruhe und jubelndes Geschrei: Ein kleiner Wal ist gesichtet worden! Bevor jedoch die große Jagd beginnt, fährt das Schiff eine Runde, während der Wal die Geheimnisse seiner Spezies mit dem Publikum teilt. Auch seine Gestaltung ist ein bauliches Wunder: ein verbeultes Auto mit riesigen Hinterreifen, einer mechanischen Schwanzflosse und Blasloch, aus dem dampfendes Wasser sprüht.
Im Inneren des Wals sitzt sein Herz, gekleidet in einem roten Gewand. Doch lange dauert das Bestaunen der Kreatur nicht, schon ist ihm die Crew auf den Fersen und eine wilde Verfolgungsjagd auf ausgebauten Fahrrädern beginnt. Mit brennenden Fackeln und tosendem Gebrüll fahren sie mehrere Runden ums Publikum.
Das Stück versetzt Zuschauende und Schauspielende ständig in Bewegung. Um dem Spektakel folgen zu können, müssen wir uns umdrehen und den Hals strecken. Das Theater im Freien stattfinden zu lassen, sorgt für eine unglaubliche Atmosphäre: Geräusche von Vögeln im Hintergrund, die sich langsam bis zum Sonnenuntergang verändernde Lichtstimmung, der Sternenhimmel, der glitzernde See im Mondschein.
Wenige Minuten nach Ausbruch der Jagd ist der Wal erlegt, rote Flüssigkeit spritzt und die Crew beginnt, ihn auseinanderzunehmen. Erst die Haut aufflexen, dann wird das Herz am Haken aufgespießt und am Seilzug hochgehievt, bis unter den höchsten Mast.
Die erfolgreiche Jagd versetzt die Mannschaft in Ekstase, es wird gefeiert, getrunken, gelacht und sich in den Armen gelegen. Die Euphorie lässt die Crew sich näherkommen als je zuvor…
Der wohl unüblichste Walfänger, ein wortgewandter Mann, der immer wieder zum Kochen verdammt wird, trägt zwischen Szenenwechseln Lyrik und lange Monologe vor. Er spricht vom Leid der Natur und der Menschheit, den Auswirkungen der Umweltverschmutzung und verteufelt die Walfischerei. Diese selbstkritischen Momente nehmen stets ein abruptes Ende, der Kapitän ruft zum Segelhissen oder der Kamerad möchte sein Steak nochmal richtig durchgebraten haben.
Die Seele der Matrosen gerät immer mehr in die Hände des Kapitäns, der mit seiner wahnsinnigen Suche nach Moby Dick das Leben aller aufs Spiel setzt. Es kommt zum großen Finale: Moby Dick wird gesichtet. Feuer und Kletteraktionen, Gesang und Poesie, Wutausbrüche und sentimentale Gespräche, das Stück ist wahrhaftig „neu gedacht und bilderstark gespielt“.
Die Show ist vorbei: Der Wal öffnet seinen Schlund und das Publikum klettert hinein. Zuschauende können sich nun die beeindruckenden Konstruktionen und Attrappen ganz aus der Nähe ansehen. Es wird klar, wie viel Liebe zum Detail und technische Fertigkeit hinter solch einer fahrenden Bühne stecken. Sie ist weitaus mehr als nur das: Im Bus wird geschlafen und geprobt, er fährt von einem Veranstaltungsort zum nächsten und begleitet das Team schon viele Jahre.
Unter dem Motto „Aufsuchende Kunst für jeden Ort!“ trägt das Wandertheater zur Kulturellen Teilhabe bei und ist als Gegenbewegung der Akademisierung des Theaters zu verstehen. Nicht die Zuschauenden müssen zur Kunst, die Kunst kommt zu ihnen.
Fazit
Höchste Zeit für ein kurzes Resümee: Hildesheim ist gar nicht so verschlafen, wie es manchmal den Anschein hat. Nicht umsonst war es in der engeren Auswahl bei der Wahl zur Kulturhauptstadt 2025. Das Rennen machte am Ende Chemnitz. Und wir? Wir bekamen dafür die KulturRegionale!
Hut-Konzert, junger Theatergarten und Wallungen: Die meisten Menschen, die wir auf diesen Veranstaltungen befragten, konnten mit dem Begriff „KulturRegionale” wenig anfangen. Bei der KUFA trafen wir auf Stammpublikum, im TfN auf informierte Spielclub-Mitglieder und auf den Wallungen war sowieso die halbe Stadt auf den Beinen. Man könnte also sagen, dass die KulturRegionale Veranstaltungen, die bereits fester Bestandteil der Hildesheimer Kulturlandschaft sind, nicht unbedingt prominenter machen, als sie ohnehin schon sind. Dass diese Veranstaltungen die KulturRegionale nicht brauchen. Das wäre aber ein Fehlschluss, denn manchmal verirrt sich doch ein Neuling unter Stammpublikum, treffen Welten aufeinander.
Was haben wir gelernt? Teilhabe bedeutet mitmachen, gesellschaftlich zusammenkommen, Gemeinschaft leben. Sie setzt Teilnahme voraus und das klappt besonders gut, wenn Angebote niedrigschwellig und kostenfrei gestaltet werden.