„Was hat das kleine Pupsdorf mit der Welt zu tun?“ Diese Frage wirft Jürgen Zinke während unseres Gesprächs rhetorisch in den Raum. Das Forum Heersum verknüpft in den eigenen Theaterstücken oft und gerne popkulturelle Elemente mit den Themen und Geschichten der Region Hildesheim, die unterhaltsam und, wie Zinke es formuliert, „trashig” umgesetzt werden. Rund 100 Mitwirkende machen in dieser Manier jährlich Landschaftstheater auf Feld und Wiese. Das sind die Heersumer Sommerspiele, ein Format, das sich seit den 90er-Jahren bewährt.
Üblicherweise nimmt sich das Forum Heersum jedes Jahr ein neues Dorf vor. An Interesse seitens der Dörfer mangelt es nicht. So steht auch schon fest, welche Ortschaften in den nächsten sieben Sommern bespielt werden sollen. Im Rahmen der diesjährigen Kulturregionale sind es gleich zwölf. Für das Forum Heersum eine große Herausforderung.
Das Forum trifft keine Vorauswahl. Wer sich anmeldet, um dabei zu sein, der ist herzlich eingeladen. Das Casting-Verfahren ist daher andersherum gestaltet als etwa in einem Stadttheater: Das Forum Heersum stellt ein Konzept vor und bewirbt sich um Mitwirkende. „Also wir machen uns zum Deppen und zeigen irgendwas, wo wir hoffen, dass die Leute das cool finden und sagen, wir machen mit.“ Menschen mit verschiedenen Vorerfahrungen sind willkommen.
Zinke beobachtet, dass die meisten Mitwirkenden sich zuerst ein Theaterstück angeschaut haben und dann Lust bekommen selbst mitzumachen, wenn sie sehen: „Das sind so Leute wie du und ich, die da so ein Ding auf die Bühne bringen.“
Den Begriff Laientheater hält Zinke für unpassend, denn viele kehren wieder und bringen dadurch auch Theatererfahrung mit. Es sei eher ein Leihentheater; das Forum Heersum leihe sich die Mitwirkenden aus dem echten Leben aus. Der Umgang wirkt hier wertschätzend und respektvoll. Jede*r sei frei, sich einer Arbeitsgruppe zuzuordnen und eigene Ideen einzubringen.
Es seien zehn professionelle Schauspieler*innen beteiligt, die den Mitwirkenden im Probenprozess den Rücken stärken, dabei aber nicht unbedingt selbst im Vordergrund stehen. Auch Teilnehmende mit mehr Erfahrung schlüpfen manchmal in diese Rolle. Im Vergleich zu anderen partizipativen Projekten dienen die theaterpädagogischen Methoden nicht dem Selbstzweck, sondern sind ergebnisorientiert und laufen auf eine Szene hinaus. Das mache die Proben spannender, weil mensch wisse, diese Übung hat einen Sinn.
Ermutigend sei auch die Art und Weise, mit der während der Aufführungen mit Fehlern umgegangen und dem Perfektionismus eine Absage erteilt werde. „Hier auf der Wiese passieren eh 1000 Fehler – das kann gar nicht fehlerfrei sein“, erklärt Zinke. Es passiere, dass mal die Technik ausfalle „und dann singt jemand ohne Verstärkung vielleicht irgendein Lied und man hat es kaum verstanden, aber alle Leute wissen, wow, das war jetzt speziell, das ist überhaupt nicht schlimm. Und irgendwo auf einer anderen Bühne wären wir vor Scham im Boden versunken.“ Das sei das Entscheidende, das, „was Leute bestärkt und wo man denkt: Mensch, das macht Spaß, da mache ich gerne mit”.
Das Forum Heersum hat, so Zinke, immer wieder historische Ereignisse auf einladende und unterhaltsame Weise umgesetzt und wird eben deshalb von Ortschaften eingeladen. Zuschauende kämen, um ein Abenteuer zu erleben und danach sei vielleicht das Interesse geweckt, sich nach der originalen Geschichte zu erkundigen. Mittlerweile habe das Forum sich einen Namen gemacht. Personen, die bereits vertraut mit dem Forum sind, „sagen, ihr werdet nicht umsonst in dieses Dorf gehen. Und da vertrauen die Leute und kommen mit“, sagt Zinke.
Der ländliche Raum habe einen Wandel durchlaufen. Viele wohnen nicht mehr auf dem Dorf, weil die Möglichkeiten fehlen, in die Stadt zu kommen, sagt Zinke. „Leute sagen: Wir wohnen hier einfach und wir haben unsere Freunde in den umliegenden Städten und wir haben einen Riesenflatscreen. Also wir brauchen hier keine Kneipe oder wir brauchen auch kein Provinztheater. Wir fahren dann in eine Stadt und da gucken wir uns schön was an.“ Daher sei die Anforderung an das Forum Heersum eine andere als noch vor 15 Jahren.
Ziel des Forums sei es immer gewesen nach, innen zu wirken, anstatt sich überregional einen Namen zu machen. Es gehe darum, in der und für die Region ein „Binnenleuchten“ zu erzeugen. Zinke gefällt der Begriff des „Aufsuchenden Theaters“. Obwohl die Ortschaften sich um die Gastgeber*innenschaft bewerben, besuche letztlich das Forum mit den Zuschauenden die Dörfer.
So entdecken Menschen aus der Region andere Dörfer. „Und das ist auch jetzt besonders spannend bei dem diesjährigen Projekt im Rahmen der Kulturregionale“, meint Zinke, „dieses Entdecken von Orten. Dass man eigentlich denkt: Ich wohne doch hier schon ewig, ich kenne mich doch hier aus. Sibbese habe ich schon gehört, natürlich weiß ich wo das ist. Ja, ich bin da mal durchgefahren, aber war ich da wirklich?“
Das Forum Heersum stärkt das Bewusstsein für die Umgebung und verbindet den Landkreis miteinander. Als Symbol dafür dient das U-Bahn-Netz des Forum Heersum, das dadurch entstanden ist, dass die Ortschaften an den Spielstätten Attrappen von U-Bahn-Eingängen aufstellen.
Auf unsere Nachfrage nach Awareness-Konzepten und der Sensibilität gegenüber verschiedenen Diskriminierungsformen, deren Vorhandensein anzunehmen ist, eröffnet Zinke: „Das ist ein bisschen so ein kleiner wunder Punkt, wenn man so will“. Er nehme die vermehrte Thematisierung bei Vernetzungstreffen wahr, aber das Forum habe in den vielen Jahren kaum Situationen erlebt, die eine solche Struktur nötig erscheinen ließen. Ohne ein vorhandenes Awareness-Team können die Hemmung davor, Vorfälle anzusprechen, jedoch größer sein.
Zinke stellt fest, dass unter den Mitwirkenden auch Menschen seien, bei denen er rechtes Gedankengut und Rassismus vermute, sagt allerdings, dass dieses in dem Format nicht an die Oberfläche komme, da es in der Produktion darum ginge, auf einen Nenner zu kommen und gemeinsam etwas zu schaffen. Weiter erklärt Zinke die Abwesenheit bestimmter Problematiken wie Rechtsradikalismus damit, dass das Forum Heersum kein Outreach mache, und nicht etwa in Schulen gehe. „Wenn wir unseren Aufschlag machen, dieses Casting, von dem ich erzählte, dann haben wir das einmal so gestreut und dann haben wir abgewartet“, sagt Zinke. „Man müsste da viel mehr so hinterher sein und jetzt einfach zu sagen, wir haben manche Probleme nicht, nur weil wir die Leute nicht dahaben. Die muss man einfach anders abholen und müsste da eben hin.“ Dies sei aufgrund der beschränkten personellen Kapazitäten allerdings nicht möglich. Der Zusammenhang zwischen Outreach und einem erhöhten Konfliktpotenzial bleibt uns unklar.
Letztlich ist das Forum Heersum offen für diejenigen, die sich dort ohnehin wohlfühlen und von sich aus auf das Forum zugehen.
Das Forum Heersum nimmt sich selbst nicht zu ernst und schafft damit ein populäres Kulturerlebnis für die Region Hildesheim. Es hat lange darauf hingearbeitet, ein vertrautes und ansprechendes Format hervorzubringen. Ein grundlegendes Interesse an Erneuerung ist vorhanden, jedoch begnügt sich das Forum Heersum aktuell mit dem, was funktioniert. Im Ausblick auf die kommenden Jahre steht ein Generationswechsel im Team an. Das Projekt, das vor Jahrzehnten selbst von Studierenden in Heersum als „Projektschmiede“ ins Leben gerufen wurde, wünscht sich heute wieder stärkeren Austausch mit jüngeren Menschen und Studierenden.