Die Kulturregionale und ihre Kirchen

ein Beitrag von Nora Lohmiller, Carolin Schäfer, Lukas Voß und Felix Bartsch

Veröffentlichungsdatum

Die KulturRegionale ist das kulturelle Großereignis in Hildesheim 2025. Mit über 350 Veranstaltungen von Juni bis September zeigt sie die unterschiedlichen Facetten des Landkreises. Impulsgebend für diese Idee war die Bewerbung für den Titel der europäischen Kulturhauptstadt. Trotz gescheiterter Bewerbung wurden viele der entwickelten Konzepte weiterverfolgt und sind nun Teil des Prozesses einer nachhaltigen Kulturentwicklung, welcher durch die KulturRegionale unterstützt werden soll. In einem Landkreis, in dem allein die namensgebende Stadt mit über 50 Kirchen aufwartet, bleibt es im Rahmen eines solchen Kulturereignis nicht aus, dass die ein oder andere Veranstaltung in einem ehemaligen oder noch aktiven Gotteshaus stattfindet. Rund 40 Veranstaltungen finden in Kooperation mit Kirchen, in deren Räumlichkeiten oder mit Bezug zum Thema Glaube und Religion statt. Diese Veranstaltungen wollten wir uns einmal genauer ansehen und haben uns deshalb folgende Frage gestellt: Welche Rolle spielen die Kirchen im Landkreis Hildesheim auf der KulturRegionale 2025, wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, haben wir nicht nur bei den Verantwortlichen beider Seiten nachgefragt, sondern uns selbst ein Bild davon gemacht, wie die Kooperation in der Realität aussieht. Folgende zwei Veranstaltungen haben wir dafür besucht. 

Elze ist bunt

„Elze ist bunt“ ist der Titel einer vom Kunstverein Fundus e.V. organisierten Ausstellung in der Klosterkirche Wittenburg. Gezeigt werden Arbeiten aus den Kunstkursen „Zeichnen und Malen von Porträts“, „Landschaftsmalerei“ sowie „Urban Sketching“. Die Werke stammen von Menschen verschiedener Altersgruppen und setzen sich unter dem Leitmotiv der KulturRegionale „Heimate(n) und Gemeinschafte(n)“ mit Fragen von Zugehörigkeit, Miteinander sowie persönlichen und kollektiven Lebensräumen auseinander. Begleitend zur Ausstellung organisierte der Verein zwei Veranstaltungen: Ein Konzert des Ensembles für Alte Musik „Filum“ am 22. Juni sowie ein gemeinsames Drei-Gänge-Menü mit regionalen Produkten eine Woche später. Wir waren beim Konzert dabei und haben im angenehmen Kühl der Klosterkirche dem Hannover Ensemble und seiner musikalisch-lyrischen Collage aus Gedichten und Sätzen aus Bachs “Goldbergvariationen” gelauscht.
Diese Kombination aus wunderschönem, barocken Gesang und tiefsinnigen Versen hat uns sehr berührt. So wurde es der perfekte ruhige und beseelte Ausklang für einen warmen Sommertag. 

Welterbefest am Dom

Wesentlich trubeliger ging es hingegen beim Welterbefest am Dom zu. Vom 30. Mai bis 1. Juni verwandelte sich das Gelände rund um den Mariendom unter dem Titel “Dein Welterbe. Dein Fest“ in ein lebendiges Festivalgelände. Mit einem vielseitigen Programm aus Konzerten (u.a. Passeparout und KataHaifisch), Führungen, Diskussionen und allerlei Unterhaltung für Groß und Klein war das Fest anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Erhalts des Welterbetitels eine Woche nach Eröffnung die erste große Veranstaltung im Programmheft der KulturRegionale. Auch wenn Welterbefest und KulturRegionale anfänglich unabhängig voneinander geplant wurden, profitieren sie schlussendlich voneinander. Dazu später mehr. 

Kirchen als Raumgeber

Doch längst nicht bei allen Veranstaltungen, die in den Kirchen des Landkreises stattfinden, sind kirchliche Einrichtungen wie im Falle des Welterbefestes für die inhaltliche Gestaltung der Veranstaltung zuständig. Oftmals sind die Kirchen lediglich Gastgebende, die ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, erklärt Mareike Knobloch aus dem Organisationsteam der KulturRegionale. Im Falle der Ausstellung “Elze ist bunt” wird das deutlich. Hier liefen die Zusammenarbeit und die Kontaktaufnahme mit der Regionale über den Kunstverein Fundus e.V.. Der Verein “Freunde der Wittenburger Kirche”, welcher die Räumlichkeiten der Klosterkirche verwaltet, wurde erst in einem zweiten Schritt ins Boot geholt. In der Vergangenheit gab es bereits zahlreiche Musikveranstaltungen in der ehemaligen Klosterkirche und auch Kooperationen zwischen den beiden Vereinen aus Elze. Der Kontakt bestand also schon vorher, teilt uns Heinz Enthof, Gemeindevorsteher und Vorsitzender des Vereins “Freunde der Wittenburger Kirche” mit. Als Gastgebende lässt es sich die Gemeinde der Wittenburger Kirche natürlich nicht nehmen, aktiv die Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung mitzugestalten. Die Mitglieder des Kunstvereins erinnern gern sich an die gelungene Vernissage der Ausstellung. Es sei eine lebendige Einführung durch Pastor Dr. Jens-Arne Edelmann gewesen. Mit Blick auf das Motto der KulturRegionale sagte dieser: “Heimat sind auch die Menschen, mit denen man täglich zu tun hat”. 

Kirchen als Publikumserweiterung

Der Vorteil der Zusammenarbeit geht oftmals weit über die Nutzung der beeindruckenden Kirchenkulissen hinaus. Auch die Möglichkeit, neue Zielgruppen und ein breiteres Publikum anzusprechen, geht mit der Kooperation zwischen Kirchen und der KulturRegionale einher. „Grundsätzlich ist die Einbindung von Kirchengemeinden in das Programm wichtig, da diese (gerade in ländlichen Regionen) eine große Rolle für die Gemeinschaft spielen und auf diese Weise Menschen einbinden, die vielleicht keinen direkten Zugang zu Kultur haben", so Mareike Knobloch vom Organisationsteam der KulturRegionale.
Wie dies in der Realität aussieht, konnte man in Elze sehen. Dort wurde durch die Zusammenarbeit mit Pflegeheimen bewusst eine Gruppe älterer Interessenten angesprochen. Vereinzelt gab es zunächst Kritik daran, ältere Menschen darzustellen und ins Geschehen zu holen. Doch das ausgestellte Ergebnis konnte schlussendlich auch skeptisches Publikum restlos überzeugen. Alle drei Kurse verfolgten laut Verein das Ziel, kulturelle Teilhabe für möglichst viele Menschen zu ermöglichen und neue Milieus sowie Lebenswelten zu erschließen. In Zusammenarbeit mit den Johanniter-Stiften in Gronau und Elze entwickelte der Kunstverein ein innovatives Konzept, um Kunst und Kultur in den Alltag von Pflegeeinrichtungen zu integrieren. 

Auch im Dommuseum ist man sich des Potenzials eines neuen Publikums bewusst. Von dort heißt es, es gäbe nach wie vor Menschen, die einen persönlichen Bezug zur Kirche hätten und darüber den Zugang zu einer kulturellen Veranstaltung fänden. Ihr „Stammpublikum“ sei vielleicht durch die Zusammenarbeit erst auf die KulturRegionale und weitere Veranstaltungen aufmerksam geworden – genauso wie umgekehrt. 

Beidseitiger Nutzen

Darin liegt letztlich auch der beidseitige Nutzen der Kooperationen zwischen KulturRegionale und Kirchen im Landkreis Hildesheim.
Für Mareike Knobloch aus dem Organisationsteam der KulturRegionale besteht durch die Mitgestaltung der Kirchen die Chance, dass so neue Perspektiven angeregt werden, die wenig oder nur indirekt etwas mit der Kirche als Institution oder mit dem jeweiligen Glauben zu tun haben. Hinzu käme, dass der Austausch, welcher sonst ohnehin stattfände, durch die KulturRegionale noch einmal intensiviert werde. Gerade kleinere Vereine, wie der Kunstverein “Fundus e.V.” profitieren von der Zusammenarbeit.
Während die KulturRegionale ihr Angebot im ländlichen Raum ausbauen kann, bietet die Zusammenarbeit den Vereinen die Möglichkeit, Teil von etwas Großem zu sein. Das wurde offensichtlich auch offen kommuniziert. Während der Kunstverein nach Kontaktaufnahmen durch die Regionale zunächst Zweifel hatte, groß genug für eine derartige Veranstaltung zu sein, war die Antwort der Regionale: “Macht halt das, was ihr immer macht!“ Ein ermutigender Einstieg, findet Wiebe Albes aus dem Verein. Angst, dass ein zu hoher Anspruch einer Kooperation im Weg stehen könnte, wurde so direkt ausgeräumt. 

Doch auch größere Institutionen, wie das Dommuseum, profitieren von einer Zusammenarbeit. Dazu schreibt uns Eva Malz, Mitarbeiterin des Museums: „Für uns war es die Chance, uns offen und als Teil des gesellschaftlichen Lebens zu präsentieren; Menschen, die das Dommuseum bisher nicht kannten oder ein anderes Bild hatten, zu erreichen.“ Und weiter: “Dem bestehenden Publikum öffnet man so neue Perspektiven. Neues Publikum soll sich zusätzlich eingeladen und angesprochen fühlen. Einem kirchlichen Museum wird von vielen durchaus mit Vorbehalten und Skepsis entgegengetreten.” 

Kirchen in der Kultur

Wir haben nun also eine Vorstellung davon bekommen, welche Rolle die Kirchen innerhalb der KulturRegionale einnehmen. Was dabei auffällt: Ihre Bedeutung und das Engagement reichen weit über die KulturRegionale hinaus. Nicht nur hier in Hildesheim, sondern an vielen (ländlichen) Orten sind Kirchen elementarer Teil, wenn nicht sogar einziger Anlaufpunkt der regionalen Kultur. Sie leisten wichtige Arbeit an Orten, wo kulturelle Strukturen noch nicht intensiv ausgebaut sind und das nicht erst seit gestern. Heinz Enthof ermöglicht mit seinem Verein “Freunde der Wittenburger Kirche” bereits seit etlichen Jahren kulturelle Veranstaltungen in Elze, blickt jedoch skeptisch in die Zukunft. Denn die sinkenden Mitgliederzahlen der großen Kirchen sind auch hier spürbar. “Viele unserer Mitglieder sind mittlerweile alt und wenn ich hier aufhören würde, kommt keiner nach. Kulturelle Veranstaltungen führen nicht zu neuen Kirchenbesuchern”, berichtet er. Dennoch wollen sie vorerst weitermachen und freuen sich über alle Besucher*innen, die vorbeikommen, um sich die Ausstellung anzuschauen. 

Eva Malz sieht die Beteiligung der Kirchen an kulturellen Veranstaltungen wie der KulturRegionale als Chance, sich offen und als Teil des gesellschaftlichen
Lebens zu präsentieren und eine gesellschaftliche Relevanz zu behalten. Eine Möglichkeit, rückläufige Mitgliederzahlen entgegenzuwirken, sieht sie darin jedoch nicht. Doch vielleicht müssen Kulturveranstaltungen in Gotteshäusern dieses Ziel auch nicht verfolgen, denn Kirchen waren, sind und bleiben immer ein Ort der Begegnung, des Austauschs und der Gemeinschaft. Egal aus welchen Gründen man in ihnen zusammenkommt. Mit ihrer beeindruckenden Architektur und ihren bewegenden Geschichten werden sie immer besondere Rezeptionsorte für Kultur bieten. So auch in Elze.

(PDF, 1.17 MB)

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Im Artikel genannt

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Elze ist bunt
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Elze ist bunt!

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Dein Welterbe. Dein Fest
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